Donnerstag, 9. April 2009
Dienstag, 31. März 2009
Das Alptraum-Szenario
Montag, 30. März 2009
Ochsenkacke
Rund um den Hagelberg ist der Frühling ausgebrochen. Ich sehe es in den Vorgärten, wo Tulpen und Narzissen sich täglich vermehren. An den Sträuchern blühen in allen Farben die Ostereier, und auf der Kuhweide turteln Vogelscharen miteinander, deren Namen ich nicht kenne. Duft von ausgemistetem Stall weht über die Felder. Und ich spüre den Frühling in meiner Nase, die um diese Jahreszeit heftige allergische Reaktionen zeigt.
Ochsenkacke, denke ich, ausgerechnet im Frühling Heuschnupfen zu haben.
Ochsenkacke, denke ich in letzter Zeit öfter, wenn ich mich auf der Bundesstraße dem Hagelberg nähere. Wenn ich zum Beispiel von Wiesenburg her komme und die sich sanft erhebende Silhouette erblicke, mit der zarten Kuppe, dem Hagelberg. Die Pappel, die das Gipfelkreuz überragt, biegt sich je nach Wetterlage im Wind. Es bläst oft ein strenger Wind auf dem Hagelberg. Vor hundert Jahren drehten sich dort Windmühlenflügel, die, nachdem die Mühle aufgegeben worden war, vom Westwind genüsslich und akribisch in ihre Einzelteile zerlegt wurden. Übrig blieb nur ein Mühlstein, der heute am Wegrand die Dorfmitte ziert.
Was für eine Ochsenkacke, schnaube ich vor mich hin, wenn ich den Hagelberg hinauf fahre, und daran denke, dass der Landkreis da oben auf dem Hügel einen Aussichtsturm bauen will. Ich versuche mir vorzustellen, was in Menschen vor sich geht, die auf den in Brandenburg einzigartigen Landschaftsrücken einen Aussichtsturm bauen wollen. Ich schlucke jedes Mal, wenn ich mir die Dimensionen vergegenwärtige: Ein stählernes Monstrum, einem Hochspannungsmasten ähnlich, mit einer Aussichtsplattform in 25 Metern Höhe. Noch zwölf Meter darüber soll ein Bündel Funkantennen aufsteigen.
Zum Glück gibt es leidenschaftlichen Widerstand gegen den Turm. Gegen die Funkantennen, deren Strahlen unbewiesene Wirkungen haben. Gegen die Berliner Busladungen, von denen niemand weiß, ob sie kommen werden oder nicht. Wenn sie ausbleiben, sind 300.000 Euro in ein hässliches Monument gescheiterter Förderpolitik verwandelt, und wenn sie wirklich anrücken, ist die dörfliche Ruhe dahin. Und wo im Dorf soll so ein Bus überhaupt halten? Wer räumt dann Bananenschalen und Bonbonpapiere weg?
Mich gruselt vor allem vor dem Anblick. Ein Stahlgerüst auf dem Hagelberg. Als Touristenattraktion. Bis in die entlegendsten Inselgegenden der Welt hat es sich herumgesprochen, dass sich ein für alle Beteiligten gesunder Fremdenverkehr vor allem dort entwickelt, wo die ursprüngliche Landschaft erhalten bleibt.
Ochsenkacke.
Vor einer Woche traf ich auf dem Hagelberg einen Herrn vom Landkreis, der mit dem Genehmigungsverfahren betraut ist. Der Wind bläst heftig an diesem Tag, so dass wir uns in unsere Wetterjacken verkriechen. Die Vorstellung, bei dieser Wetterlage 25 Meter höher zu stehen, löst zusätzliche Kälteschauer in mir aus. Der Herr ist nicht mehr ganz jung, nett und eifrig, überzeugt davon, dass alles seine Richtigkeit hat, was hier geschieht. Der Turm soll Touristen herlocken. Er wundert sich über die erregten Debatten, die kürzlich im Belziger Rathaus stattfanden, als die Gemeindeversammlung ihre Zustimmung zum Turm-Bau verweigerte. Der Landkreis kann dennoch den Bau bestimmen, er kann die Zustimmung erzwingen, weil ein Bauvorbescheid vorliegt. Am liebsten wäre dem Herrn eine sachliche Auseinandersetzung, in einer ruhigen Stunde.
Die Bauern streuen Ochsenkacke aufs Feld, weil sie wissen, dass das für den Boden gut ist, weil die Ernte dann besser ausfällt.
Der Landkreis will einen Turm bauen, weil ein Landschaftsplaner ein Bild in die Köpfe gezeichnet hat. Der Herr erzählt mir von diesem Bild. Es geht so: Wenn da unten auf der Landstraße zwischen Belzig und Wiesenburg der Reiseleiter zu seiner Berliner Busladung sagt: „Na wollt ihr ma von obn auf Balin kieken?“ dann rufen alle begeistert „ja“ und der Bus biegt mit Düsenantrieb ab zum Aussichtsturm. Der Herr lächelt mich jetzt an.
Er lächelt auch, als ich ihn frage, woher er weiß, dass man von da oben, in 25 Metern Höhe, tatsächlich bis nach Berlin sehen kann. Sein Vorgänger, erzählt er mir, ist einst mit dem Feuerwehrauto auf den Hagelberg gefahren und hat so lange die große Leiter ausfahren lassen, bis er über die bewaldeten Höhen des Flämings hinwegsehen konnte. „Und, haben sie wirklich Berlin gesehen?“, frage ich nach. Der Herr lächelt jetzt wie ein Kind. Wie mein Sohn, wenn er sich über etwas freut. „Ja, er sagte mir, ja. Bis nach Berlin.“
Wieso freut er sich so darüber? Was soll daran so toll sein, wenn man von Hagelberg bis nach Berlin schauen kann?
Der Berliner fährt doch aufs Land nicht wegen der Aussicht, sondern wegen der Ochsenkacke. Wegen der unberührten Landschaft im Naturpark Hoher Fläming, wegen der Abgeschiedenheit, weil er seine Stadt mal ein paar Stunden vergessen will, und erleben, dass es noch etwas anderes gibt als seine Stadt, dass es noch echt nach Ochsenkacke stinkt, wenn man aufs Land fährt, fast wie früher.
Die Aussicht auf seine Stadt ist vom Fernsehturm am Alex viel besser, und sogar vom Dach des Reichstags aus, wo es nicht einmal Eintritt kostet, sieht man über ganz Berlin. Vom Hochbunker auf dem Wedding, vom obersten Stock des Bahngebäudes, vom Funkturm an der Messe, von jedem Kirmes-Riesenrad sieht man über Berlin hinweg.
Aber den Hagelberg, diesen sanften, unversehrten Rücken, das große schlafende Tier im Herzen des Hohen Fläming, gibt es nur einmal zu sehen.
Dienstag, 17. Februar 2009
März bis Oktober
Wenn ich aus dem Fenster schaue, liegt dort Schnee, wie auf den Fotos im Januar. Immer, wenn der Schnee schmolz, dachte ich, jetzt sollte ich neue Fotos ... von der Schneeschmelze ... oder sogar einen Text veröffentlichen. Das stimmt sonst alles nicht mehr, dachte ich. Aber dann schneite es in den nächsten Stunden. Und jetzt liegt auf einmal wieder so viel Schnee, als wäre die Zeit in den letzten sechs Wochen still gestanden.
Dabei ist wie immer so einiges passiert: Eine üble Viren-Attacke auf den Magen-Darm-Trakt, im Kino gewesen ("Benjamin Button") und ein Berlinale-Trip, Grundschul-Besuche und unzählige Schulgespräche, Schwitzhütte im Schnee, Aggression & Hingabe unter Männern, Laufen auf Eis, "Populärmusik aus Vittula" zu Ende gelesen, Bau einer Lego-Öl-Plattform und ein echter leerer Öltank, Beginn des Schreibkurses "Erotisches Schreiben", ein neuer blutjunger Schornsteinfeger mit einem lindgrünen Wollkäppi ... und all das, was jeden Tag passiert, was mir in diesem Augenblick nicht mal als Stichwort einfällt, all das was wirklich wichtig war, die kleinen Sätze und entrückten Gesten, ein Lächeln, eine Schneeflocke, die genau auf die Nasenspitze traf, der Moment, wo ein überraschendes Fundstück das gesamte Leben erhellte.
Neben meinem Arbeitsplatz hängen, auf Papier gedruckt, schon lange zwei Sätze von Jorge Luis Borges, die mich daran erinnern, was wirklich wichtig ist:
Und wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte, würde ich versuchen, weniger perfekt zu sein. Ich würde von März bis Oktober barfuß gehen, viel in Flüssen schwimmen und vor allem mit Kindern spielen.
Vor kurzem fand ich das ganze Zitat von Borges in einem Buch und las ...
Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben würde ich versuchen,
mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter als ich gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben,
ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten, mehr Bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der Freude.
Aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben, nur aus Augenblicken.
Vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätsommer barfuss gehen.
Und ich würde mehr mit Kindern spielen,
wenn ich das Leben vor mir hätte.
Aber sehen Sie ...
Ich bin 85 Jahre alt und weiß,
dass ich bald sterben werde.
Jorge Luis Borges starb 1986 mit 87 Jahren. Er wusste wovon er sprach.
Mittwoch, 7. Januar 2009
Montag, 20. Oktober 2008
Dienstag, 7. Oktober 2008
Das Ende des Sommers
War das gestern oder heute als ich um sechs Uhr sehr früh die Datei schloss, um sie ein für allemal wegzuschicken? Das Manuskript, das mich den ganzen Sommer überallhin begleitete. Zu Ende. Geschrieben. Zitternd, meine Beine durchsichtig und weich wie schmelzende Eiszapfen.
„Bist du jetzt wieder ein freier Mann?“ fragt B. mich am Telefon, nach ein paar Stunden Schlaf. Ich überlege. Ja. Es irritiert mich nur, dass nach dem Auftauchen aus der versunkenen Welt, auf einmal all die anderen dicken und schmalen Fische wieder neben mir treiben, die verschwunden schienen. Geschäftig wedeln sie durch mein Nordmeer, bedruckt mit Telefonnummern und unerledigten Notizzetteln. Wo waren sie die ganze Zeit? In welchen Winkeln hatten sie sich verkrochen? Was wollen sie jetzt von mir? Hey, lasst mich in Ruhe! Ich will nicht da weitermachen, wo ich vorher verpflichtet war. Ich habe jetzt andere, persönlichere Aufträge. Haut bloß ab!
Das Holz sägen, in handliche Stücke hacken und in den Schuppen tragen. Für den Winter.
Es ist Herbst geworden in dieser einen Woche, der Wind schnappt sich gut gelaunt und mit etwas Frost beweht all die sauber sortierten Gedanken und wirbelt sie restlos durcheinander. Traumzeit. Innenreise. Märchenreif entlang der Landstraße. Ich höre die Stimme von Neil Young von weit, weither über den Ozean. Die Äpfel leuchten wie Goldklumpen im fallenden Licht.
Morgens um zehn Uhr, auf dem Weg nach Potsdam, stolpert ein Mädchen, oder ist es eine junge Frau?, in roten Stiefeln an der Bundesstraße entlang, sie bietet sich an, eindeutig, von einer Macht bezwungen, beinah verrückt vor Scham. Ich falle aus dem Märchenreif, aus dem Nordmeerbild, purzle mitten in die Wirklichkeit und bin für Minuten nicht fähig weiterzureden. A. murmelt: Menschenhandel, Osteuropa. Ich verstehe ihn kaum. Mädchen, Mädchen …
Und später, die Szene im Film, als Ruth Klüger, die jüdische Schriftstellerin, der Bande von Skinheads gegenübersteht, wie sie entsetzlich rüde und scharf dazu aufgefordert wird, jetzt mal keine Stories vom Holocaust zu erzählen, sondern mal was echtes, was sie wirklich erlebt hat. Und sie, Ruth Klüger, die ich nicht kenne, ist schluckt tapfer alles zur Seite, es brodelt in ihr, aber sie spricht weiter, sie ringt um jedes Wort. Sie will jetzt nicht weglaufen. Sie bleibt da, diesen jungen Menschen, die nicht glauben wollen, was passiert ist, ein Gegenüber, sie erzählt, was sie in der eigenen Haut erlebt hat. Sie ist zerbrechlich und so stark, wie viele dieser Menschen, die überlebt haben. Würdevoll. Erzählt sie langsam von dem Geruch, als sie ankam, der alles durchwehte, den kein Wind jemals aus dem Gedächtnis vertreiben kann.
Und jetzt fällt es mir wieder ein. Auf einmal bin ich ganz klar. Es war gestern. Nicht heute. Gestern früh. Gestern war der Tag, als der Sommer endgültig vorbei war.