Dienstag, 18. September 2007

Leichter Rauch überm Dach

Gestern wölbte sich dieser griechisch blaue Himmel über meine Spätsommergefühle, das Mittagessen nahmen wir unter dem Ahorn ein. Hoch über meiner Wehmut trug der frühere Dachdecker und heutige Allround-Handwerker Roland den alten, brüchigen Schornsteinkopf ab. Roland erzählte, dass es den Leuten früher gleichgültig war, wie ihr Haus aussah: Hauptsache, ein Dach überm Kopf, und dann im Kerzenlicht Karten gespielt. So ließ sich leben. Kein Gramm Gedanke zu viel.

Heute graue Regenstriche am Horizont. Roland bleibt zuhause. Die geborstenen Schornsteinreste liegen im Garten und es riecht rußig, nach längst verbranntem Holz. Nach einem Tag als gedankenloser Bauhelfer freue ich mich auf die Stille meines Arbeitszimmers. Ich spüre meine Körpermuskeln drücken und versuche den Faden des Sommers aufzunehmen.

„Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.“ (Aus den Aufzeichnungen von Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke)

Ich sehe den Ahornbaum. Er wiegt sich vor meinen Augen im Wind. An manchen Stellen färbt er sich bereits tiefrot. Bald fallen seine unbeschriebenen Blätter zu Boden und legen sich Seite an Seite zu den vorher gegangenen Sommern.

Donnerstag, 13. September 2007

Nicht müde werden

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin

Dienstag, 24. Juli 2007

Ein gutes Gefühl

Das Belziger Postamt war eine Oase in der deutschen Dienstleistungswüste. Es lag günstig an der Straße zum Marktplatz, beinahe zu jeder Tageszeit konnte man direkt vor der Eingangstür parken, ohne mit einem Strafzettel rechnen zu müssen. Außer vor Weihnachten traf man in dem schlichten und hellen Warteraum nie eine Warteschlange an, die länger als zwei Personen war. Das lag vor allem an den beiden Frauen, die dort Dienst versahen und sich dabei tatsächlich ihren Kunden widmeten. Es waren zwei kräftige, freundliche und patente Frauen, die Freude an ihrer Arbeit hatten. Wenn die eine an einem Schalter bereits jemand bediente, tauchte die andere aus den Tiefen des Postbüros auf und schob am zweiten Schalter lächelnd die verlangten Briefmarken über den Tresen. Das Lächeln dieser Frauen war stets von milder Ironie umspielt, es entstammte einer Art souveränen Hingabe an die Arbeit, es war ein gefestigtes und dennoch leichtes Lächeln. Bis in die letzten Tage des Jahres 2005 (oder war es 2004?) trugen diese Frauen ihr Lächeln mit Stolz und Fassung, dann verschwanden sie mitsamt dem Postamt.

Die Postgeschäfte durften nun in einem Eisenwarenladen erledigt werden, der zugleich ein Geschenkartikel-, Anglerbedarf-, Haushaltswaren- und Schlüsseldienstladen ist. Ein echter Gemischtwarenladen also, der in mir manchmal Fantasien von den Pioniertagen des Wilden Westens weckt. Ich gewöhnte mich daran, ich dachte nur noch selten an das alte Postamt, das seit seiner Schließung leer steht.

Vor ein paar Wochen zog ein Küchen- und Heizungsgeschäft in das alte Postamt.

Gestern wollte ich dort ein Ersatzteil für unseren Gasherd bestellen. Schon als ich vor dem Gebäude anhielt, überkam mich das alte Postgefühl und beinahe hätte ich beim Aussteigen die Briefe geschnappt, für die ich noch Briefmarken holen wollte. Als ich die Eingangstür öffnete, nahm ich mir fest vor, kein Wort über das alte Postamt zu verlieren. Aus der Zeitung wusste ich, dass sich bereits manch Belziger hoffnungsvoll in das wieder eröffnete Gebäude verlaufen hatte, in dem Glauben, die Post sei auferstanden. Ich wollte die alten Geschichten ruhen lassen. Ich wollte nur ein Ersatzteil für den Gasherd.

Als ich eintrat, verlangsamte sich mein Schritt und ich schaute mich um. Ich suchte nach Anzeichen des alten Postamtes, aber die Inneneinrichtung war komplett neu. Wo früher die Ständer mit den Briefumschlägen standen, befand sich eine Ausstellungsküche. Anstelle der gläsernen Schalterfront gab es jetzt einen geschwungenen, offenen Tresen. Dahinter saß eine mir unbekannte, kräftige und freundliche Frau. Ich legte mein kaputtes Gasherdteil auf den Tresen und sagte erstmal nichts.
Stattdessen dachte ich: Die Post lebt in uns weiter. Sie wohnt an einem Ort, an dem Aldi und Media Markt nie ankommen werden, seit vielen vielen Jahren schon lebt sie dort, zusammen mit dem Bäcker, dem Fleischer, dem Schuster und dem Schneider.
Als ich bemerkte, dass die Frau mich erwartungsvoll ansah, sagte ich: „Nein, nein, ich will keine Briefmarken kaufen.“
Sie lächelte mich an und sagte: „Das wäre auch kein Problem.“
„Nein, wirklich, Sie verkaufen Briefmarken?“
„Ich habe immer welche da – für alle Fälle. Brauchen Sie welche?“
„Ja“, sagte ich strahlend. „Bitte fünf.“
„Sie sind schon der zweite heute, der bei mir Briefmarken kauft.“
Im selben Augenblick betrat ein Mann den Laden und reichte der Frau einen Briefumschlag über den Tresen. Ich sagte nichts. Kaum hatte er den Laden verlassen, eilte ein zweiter Mann herein, dem die Frau ein großes durchsichtiges Kuvert mit mehreren Umschlägen übergab.
Es war wie auf der richtigen Post.
Die Frau und ich, und sogar der Mann, der im Hintergrund still und streng vor einem Bildschirm saß, lächelten alle, und wir fühlten, wie der alte Postort tief in uns atmete.

Montag, 18. Juni 2007

Echo aus der Provinz

Heute zog ich mir ein weißes Hemd an und nahm mir vor, in aller Schärfe alles aufzuschreiben.

Wegen so eines Abends sind wir vor sechs Jahren hierher gezogen. Eine milde, sich manchmal aufbauschende Luft weht durch die mannshohen Gräser. Kühe weiden vor einem Horizont, der in orangenen und violetten Streifen ausläuft. Die Maispflanzen stecken ihre Köpfe zusammen und flüstern sich seltsame Haikus zu. Nur die Stromseile, die über unseren Köpfen ihr Fernwehlied summen, erinnern in diesem Augenblick daran, dass wir mit der Welt verbunden sind.

Nicht nur in Gedanken.

Nach sechs Jahren, denke ich, ist es an der Zeit, alles aufzuschreiben, was sich hier abspielt, in diesem Dasein am Ende des Weges. Was für eine Spannung das ist zwischen dem friedlichen Dasein auf dem Land und dem Verlorensein im Zentrum der Häuser.

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, ich würde hier verblöden, als könnte ich keinen einzigen scharfen Gedanken mehr denken. Ich habe dann Angst, mein eigenes Leben nicht mehr zu begreifen. Es gibt eine süße Trägheit des Provinziellen, die schleichend alles umfasst, von der Kleidung über die Art, sich fort zu bewegen, bis zur Substanz des Bewusstseins.

Wir leben längst nicht mehr im abgeschiedenen Raum, sondern in der Gleichzeitigkeit von abgeschiedenem Raum und medialer Vernetzung. Wir können jederzeit alleine durch den Wald spazieren, in dem sich Rehe, Wildschweine und neuerdings wieder Wölfe tummeln, oder über feuchte Wiesen, steinige Abhänge, durch düstere Schluchten wandern, aber am Ende des Weges stoßen wir immer auf ein funkelndes Einkaufszentrum, das mit Sonderangeboten dekoriert und von Popmusik durchspült ist.

Hier irgendwo zwischen den Zeilen, bestückt mit Büchern und Zeitungen, von Kühen und zitternden Blättern umgeben, fange ich einfach an.

*

Vor ein paar Tagen im gut gefüllten, trotz geöffneter Fenster stickigen Bürgersaal in Belzig. Am einen Ende des langen Tisches steht Bhady, Königssohn aus Kamerun und deutscher Sozialarbeiter. Er hat soeben das Echo-Projekt vorgestellt, eine Basisinitiative für einen neuen Weg der Begegnung zwischen Europäern und Afrikanern. Um sich nicht auf den Kontinenten zu verlieren, hat die Initiativgruppe zwei konkrete Orte als Kommunikationspole gewählt. Der eine ist Belzig, das Ackerbürgerstädtchen, das sich als Kur- und Kreisstadt zu profilieren versucht (12.000 Einwohner), der andere Kribi, eine hoffnungsvolle Stadt im Westen von Kamerun an der Atlantikküste gelegen (60.000 Einwohner). Das Echo-Projekt will vor allem Begegnungen initiieren, die zwischen den Kulturen auf Augenhöhe stattfinden - und keine bürokratisch abgezirkelten Programme.

Am anderen Ende des Tisches steht eine blonde Frau, die sich nun schon zum zweiten Mal zu Wort gemeldet hat. „Wie geht es konkret weiter? Was kann ich tun?“

Bhady wiederholt. „Wir fangen ganz langsam an, Schritt für Schritt, erst kommunizieren wir, um Mentalitäten und Bedingungen zu erkunden, dann entwickeln wir konkrete Handlungskonzepte.“ Er lächelt. „Ich weiß, das klingt abstrakt, aber anders geht es nicht.“

Die blonde Frau lächelt auch. Sie hat zuvor schon einen Dokumentarclip über Kribi gesehen, der die afrikanische Stadt am Meer locker und beschwingt zeigt, eher wie einen Urlaubsort als ein Notstandsgebiet. Tatsächlich verspricht sich der Bürgermeister von Kribi, das derzeit über ein einziges Müllauto verfügt, vom Tourismus die ersehnte wirtschaftliche Dynamik. Die blonde Frau will gern etwas aufbauen. Sie wirkt wie eine zupackende, praktische und positive Frau und am liebsten würde sie wohl sofort nach Kribi fliegen, um dort einen Brunnen zu bohren. Es wäre schade, ihre Energie in einer Wüste abstrakter Ideen versickern zu lassen. Kees Berkouwer, der weißhaarige Ausländerbeauftragte und Mitinitiator des Projektes, ruft dazwischen. „Wir haben eine Adressliste, da können Sie sich eintragen. Und wir haben auch eine Homepage mit Email-Kontakt.“

Die blonde Frau lächelt immer noch, als sie so leise flüstert, dass es niemand am anderen Ende des Tisches hören kann. „Da hab ich mich doch längst eingetragen.“

Es ist nicht so einfach, das Echo-Projekt zu vermitteln. Ein Ausgangspunkt war, dass die Menschen in Afrika kaum etwas über die tatsächlichen Verhältnisse in Deutschland wissen, bevor sie sich auf die strapaziöse Odyssee ins gelobte Schlaraffenland aufmachen. „Wenn sie genauer wüssten, was sie erwartet, dann würde viele nicht hierher kommen“, glaubt Bhady, der ehemalige Asylbewerber. „Ich kenne viele Asylbewerber aus allen Ländern der Welt, die hier unglücklicher sind als in ihrer Heimat.“ Die vitalen Gefühle aus ihrer Heimat, die ihr Leben bis zur Migration prägten, und sie die Reise ins Unbekannte auf sich nehmen ließen, verblassen in Deutschland; sie verwandeln sich in ein dunkles Meer aus Sehnsucht und Erinnerung. Und an der Oberfläche versuchen sich die Auswanderer anzupassen, an die „sicheren Leute hier, mit seelischer Armut“.

Ein Mann steht auf und erhebt sein Wort. Seit Jahren reist er nach Kenia. Anfangs wegen der unglaublichen Landschaft, wegen den Tieren und der Nationalparks. Aber dabei lernte er auch die Afrikaner kennen. „Sie sind stolz und herzlich, einfach bezaubernd. Man muss sie lieb haben und man muss ihnen helfen. Es geht gar nicht anders.“ Und er weiß auch, worauf es ankommt: Auf jeden Bleistift. Von den 50 Millionen Euro, die Bundeskanzler Schröder vor ein paar Jahren in Kenia gelassen hat, ist im Land nichts zu spüren, aber wenn er ein Bündel frisch gespitzter Bleistifte in einer Dorfschule abliefert, dann jubeln dort die Lehrer und Kinder.

Eine afrikanische Redensart lautet: Europa hat die Uhr. Wir haben die Zeit.

Am nächsten Tag klicke ich auf das Echo-Projekt und schreibe eine Kontakt-Email, in der ich meine Sympathie für das langsame Projekt bekunde. Nach einer halben Stunde landet die Email wieder bei mir – die Kontakt-Mail-Adresse funktioniert nicht.

Mittlerweile (vier Tage später) funktioniert sie bestimmt.