Samstag, 1. Dezember 2007

Terra Incognita

Von Zeit zu Zeit überfällt mich mächtig das Verlangen, einen Text zu veröffentlichen, ein paar Zeilen nur, die von der Sehnsucht Worte in sich tragen, die in mir unentdeckt und ungestillt sind.
Wie die Nacht über das feuchte Land herfällt und das Zwielicht vertreibt, in diesem Augenblick. Und wie die Nacht sich ums Haus herum treibt und dann und wann an die Tür klopft, mit dürren, langen, knöchernen Fingern.


Dieser dunkle, weite Raum in mir ist immer noch ein unbekanntes Land.

Es verlangt nach körperlicher, schweißtreibender, stinkender, mühseliger Arbeit, dieses Land zu erforschen. Bäche, Flüsse und Seen zu durchschwimmen, um Quellen aufzuspüren, Höhlen freischlagen, um näher an die Goldadern heranzukommen, Geröll wegschaffen, durchs Unterholz robben, um den freien Himmel zu erblicken, Leichen aus dem Keller ans Tageslicht schleifen.
Und wofür das alles?
Um Zeugen aufzurufen, um etwas, ein Stückchen, ein klitzekleines bisschen Gemeinsamkeit zu stiften. Um wenigstens einem einzigen Menschen etwas Trost zuzusprechen.
Für einen kostbaren Moment.

Mittwoch, 31. Oktober 2007

Haare schneiden

Gestern bin ich wirklich erschrocken, als die Zeitung eine Liste mit den niedrigsten Tarif-Löhnen in Brandenburg veröffentlichte.
Im Einzelhandel beträgt der Stundenlohn 7,32 Euro. Und das ist noch gut.
Angestellte Landwirtschaftskräfte bekommen 5,77 Euro die Stunde, Floristiker schaffen nicht einmal die 5-Euro-Hürde. Und Schlusslicht der Liste sind die Haareschneider: 2,75 Euro. Jetzt versteh ich auch, warum mein Friseurmeister kürzlich sagte: "Wenn der Mindestlohn kommt, kann ich meinen Laden zumachen."

Freitag, 26. Oktober 2007

Dunkle Tage kommen

Wenn die Bäume lichter werden und das Schuhwerk kräftiger, wenn der Atem in der Luft stehen zu bleiben beginnt und du jeden Tag Holz hereinträgst, dann ist es Zeit, eine Kerze anzuzünden, den Tisch zu decken und gute Freunde einzuladen.

Dienstag, 18. September 2007

Leichter Rauch überm Dach

Gestern wölbte sich dieser griechisch blaue Himmel über meine Spätsommergefühle, das Mittagessen nahmen wir unter dem Ahorn ein. Hoch über meiner Wehmut trug der frühere Dachdecker und heutige Allround-Handwerker Roland den alten, brüchigen Schornsteinkopf ab. Roland erzählte, dass es den Leuten früher gleichgültig war, wie ihr Haus aussah: Hauptsache, ein Dach überm Kopf, und dann im Kerzenlicht Karten gespielt. So ließ sich leben. Kein Gramm Gedanke zu viel.

Heute graue Regenstriche am Horizont. Roland bleibt zuhause. Die geborstenen Schornsteinreste liegen im Garten und es riecht rußig, nach längst verbranntem Holz. Nach einem Tag als gedankenloser Bauhelfer freue ich mich auf die Stille meines Arbeitszimmers. Ich spüre meine Körpermuskeln drücken und versuche den Faden des Sommers aufzunehmen.

„Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.“ (Aus den Aufzeichnungen von Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke)

Ich sehe den Ahornbaum. Er wiegt sich vor meinen Augen im Wind. An manchen Stellen färbt er sich bereits tiefrot. Bald fallen seine unbeschriebenen Blätter zu Boden und legen sich Seite an Seite zu den vorher gegangenen Sommern.

Donnerstag, 13. September 2007

Nicht müde werden

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin

Dienstag, 24. Juli 2007

Ein gutes Gefühl

Das Belziger Postamt war eine Oase in der deutschen Dienstleistungswüste. Es lag günstig an der Straße zum Marktplatz, beinahe zu jeder Tageszeit konnte man direkt vor der Eingangstür parken, ohne mit einem Strafzettel rechnen zu müssen. Außer vor Weihnachten traf man in dem schlichten und hellen Warteraum nie eine Warteschlange an, die länger als zwei Personen war. Das lag vor allem an den beiden Frauen, die dort Dienst versahen und sich dabei tatsächlich ihren Kunden widmeten. Es waren zwei kräftige, freundliche und patente Frauen, die Freude an ihrer Arbeit hatten. Wenn die eine an einem Schalter bereits jemand bediente, tauchte die andere aus den Tiefen des Postbüros auf und schob am zweiten Schalter lächelnd die verlangten Briefmarken über den Tresen. Das Lächeln dieser Frauen war stets von milder Ironie umspielt, es entstammte einer Art souveränen Hingabe an die Arbeit, es war ein gefestigtes und dennoch leichtes Lächeln. Bis in die letzten Tage des Jahres 2005 (oder war es 2004?) trugen diese Frauen ihr Lächeln mit Stolz und Fassung, dann verschwanden sie mitsamt dem Postamt.

Die Postgeschäfte durften nun in einem Eisenwarenladen erledigt werden, der zugleich ein Geschenkartikel-, Anglerbedarf-, Haushaltswaren- und Schlüsseldienstladen ist. Ein echter Gemischtwarenladen also, der in mir manchmal Fantasien von den Pioniertagen des Wilden Westens weckt. Ich gewöhnte mich daran, ich dachte nur noch selten an das alte Postamt, das seit seiner Schließung leer steht.

Vor ein paar Wochen zog ein Küchen- und Heizungsgeschäft in das alte Postamt.

Gestern wollte ich dort ein Ersatzteil für unseren Gasherd bestellen. Schon als ich vor dem Gebäude anhielt, überkam mich das alte Postgefühl und beinahe hätte ich beim Aussteigen die Briefe geschnappt, für die ich noch Briefmarken holen wollte. Als ich die Eingangstür öffnete, nahm ich mir fest vor, kein Wort über das alte Postamt zu verlieren. Aus der Zeitung wusste ich, dass sich bereits manch Belziger hoffnungsvoll in das wieder eröffnete Gebäude verlaufen hatte, in dem Glauben, die Post sei auferstanden. Ich wollte die alten Geschichten ruhen lassen. Ich wollte nur ein Ersatzteil für den Gasherd.

Als ich eintrat, verlangsamte sich mein Schritt und ich schaute mich um. Ich suchte nach Anzeichen des alten Postamtes, aber die Inneneinrichtung war komplett neu. Wo früher die Ständer mit den Briefumschlägen standen, befand sich eine Ausstellungsküche. Anstelle der gläsernen Schalterfront gab es jetzt einen geschwungenen, offenen Tresen. Dahinter saß eine mir unbekannte, kräftige und freundliche Frau. Ich legte mein kaputtes Gasherdteil auf den Tresen und sagte erstmal nichts.
Stattdessen dachte ich: Die Post lebt in uns weiter. Sie wohnt an einem Ort, an dem Aldi und Media Markt nie ankommen werden, seit vielen vielen Jahren schon lebt sie dort, zusammen mit dem Bäcker, dem Fleischer, dem Schuster und dem Schneider.
Als ich bemerkte, dass die Frau mich erwartungsvoll ansah, sagte ich: „Nein, nein, ich will keine Briefmarken kaufen.“
Sie lächelte mich an und sagte: „Das wäre auch kein Problem.“
„Nein, wirklich, Sie verkaufen Briefmarken?“
„Ich habe immer welche da – für alle Fälle. Brauchen Sie welche?“
„Ja“, sagte ich strahlend. „Bitte fünf.“
„Sie sind schon der zweite heute, der bei mir Briefmarken kauft.“
Im selben Augenblick betrat ein Mann den Laden und reichte der Frau einen Briefumschlag über den Tresen. Ich sagte nichts. Kaum hatte er den Laden verlassen, eilte ein zweiter Mann herein, dem die Frau ein großes durchsichtiges Kuvert mit mehreren Umschlägen übergab.
Es war wie auf der richtigen Post.
Die Frau und ich, und sogar der Mann, der im Hintergrund still und streng vor einem Bildschirm saß, lächelten alle, und wir fühlten, wie der alte Postort tief in uns atmete.